September 2009
24.09.2009 – Brösel kommt an
Mit Flug 9333 aus Palma de Mallorca landet Brösel auf dem Hamburger Flughafen. Sehr angeschlagen vom Flug und den damit verbundenen Strapazen für einen Hund, holen wir Brösel an Terminal 1 ab. Mein Bruder Jan ist mitgekommen und hilft mir, den Terminal und den richtigen Abholungsort zu finden. Gottseidank sind wir rechtzeitig losgefahren und haben genügend Zeit! Daher sitzen wir schon einige Minuten gemütlich in der Wartezone, als Brösels Flug endlich auf den Anzeigentafeln erscheint.
Brösels Box steht auf einer anderen Box und wird auf einem Gepäckwagen herangerollt. Der Hund in der anderen Box wird als erster seiner neuen Familie übergeben, ich sehe währenddessen schon mal durch die Gitter in die Box hinein und bin erschrocken: der Hund in der Box ist sichtlich verwundet und hat eine Vielzahl blutiger Stellen und ein schorfiges Geschwulst an der Nase, er ist ganz mager und zittert. Als ich die Frau von der Tierschutzorganisation danach frage, sieht sie mich an, als ob ich sie persönlich beleidigt hätte und erwidert, der Hund wäre gesund abgeflogen, er müsse sich die Wunden während des Fluges selber zugefügt haben. Sie sagt dann noch, ich solle den Hund erst aus der Box holen, wenn ich zu Haus bin, da er sonst Angst bekäme.
Mein Bruder Jan und ich sagen erstmal nichts dazu. Ich nehme den Hund in Empfang und wir gehen mit der Box ins Freie, wo wir den Kleinen erst einmal vorsichtig an der Leine aus der Box lassen, damit er pieschern kann. Der Hund wirkt unheimlich schüchtern und ist sichtlich krank. Er hat solche Angst, dass er momentan nicht pinkeln kann, daher tun wir ihn wieder hinein und fahren mit der S-Bahn nach Haus. Ich wundere mich, warum es eine solche Riesenbox ist, eine Dogge würde da reinpassen – ich bin froh, dass mein Bruder mit dabei ist und tragen hilft, sonst hätte ich echt Mühe, das Monstrum von einer Transportbox zu tragen!
Am Sternschanzenbahnhof angekommen, lassen wir den kleinen Hund wieder heraus und gehen mit ihm an der Leine durch den nächtlichen Schanzenpark. Er ist brav, aber merkbar verängstigt, was ja nach so einer Strapaze ganz normal ist. Schließlich sind wir bei mir zu Haus und ich gebe Brösel eine Schale Wasser, die er sofort komplett austrinkt, als ob er am Verdursten wäre. Ich fülle sie erneut und die zweite Schale trinkt er ebenfalls komplett aus. Krank muss er also wahrscheinlich sein, denn so viel zu trinken ist für einen kleinen Hund gar nicht normal. Danach bringe ich Jan mit Brösel an der Leine zur Bahn, damit der Hund endlich pieschert. Das tut er dann auch, und zwar literweise. Auch Durchfall hat er.
Als ich mit dem Kleinen wieder bei mir die Treppen hochgehe, passiert ihm leider noch mal ein Malheur und er hat im Treppenhaus nochmal Durchfall – nicht so schön. Das wäre aber allein nicht so schlimm gewesen, denn ich habe gleich Küchentücher, einen Müllsack und einen feuchten Wischmop sowie eine Flasche Klorix geholt, um das schnell wegzumachen. Doch als ich gerade dabei war, die Sauerei wegzumachen, kam meine alkoholkranke Nachbarin nach Hause und machte schon unten im Treppenhaus Krach. Normalerweise geht man ihr lieber aus dem Weg, da sie unfreundlich ist und sich im betrunkenen Zustand nicht gerade gut benehmen kann. Jetzt musste ich aber die Hundekacke wegmachen und war ihr so ausgeliefert.
Sie kam schon schimpfend die Treppe hoch, belegte mich mit allen möglichen Schimpfwörtern, sparte auch nicht mit Beleidigungen, schubste mich schließlich unsanft zur Seite (ich bin beinahe hingefallen), beschimpfte dann auch noch den völlig unschuldigen kleinen Hund, der eh verängstigt genug war und schüchtern in meiner Wohnungstür stand. Da platzte mir dann doch das Hemd, und obwohl ich mir Mühe gebe, auf die manchmal schlimmen Pöbeleien meiner Nachbarin nicht zu reagieren, habe ich dann zurückgeschimpft und mit der Polizei gedroht, was wenigstens dazu führte, dass diese völlig verwahrloste Frau in ihrer Wohnung verschwand. Endlich konnte ich zuende aufwischen und mich wieder um Brösel kümmern. (Übrigens: Brösel hat bis heute Angst vor dieser Nachbarin und jedesmal, wenn sie herumpöbelt, versteckt er sich im Badezimmer, wo ich ihn mit gut Zureden und Leckerlies wieder hinauslocken muss.)
Da der Hund Krämpfe hatte und die ganze Zeit zitterte, wollte ich ihn nicht allein lassen und baute ihm aus einer Decke eine Art Nest am Fußende meines Bettes. Dort zitterte das kleine, magere Hündchen mit dem Knickohr und den kleinen Mandelaugen die ganze Nacht tapfer vor sich hin und bemühte sich scheinbar, nicht weiter aufzufallen.
25.09.2009 – Erst mal tief Luft holen …
Am nächsten Morgen ging es dem kleinen Brösel scheinbar schon besser und ich begann zu hoffen, dass tatsächlich der Flug für die schlechte Verfassung des Hundes verantwortlich war. Er fraß wie ein kleiner Mini-Scheundendrescher mit einer Hingabe, die kaum zu fassen war. Als ich dann (zum ersten Mal bei Tageslicht) mit ihm rausging, hatte er, wie ich leider feststellen musste, blutigen Durchfall. Das reichte mir. Ich ging nach Haus ans Telefon und rief die Tierschutzorganisation an.
Immerhin hatte ich ja einen Pflegevertrag mit denen gemacht, um genau so eine Situation zu vermeiden. Ich hatte schon im Internet gelesen, dass Hunde aus dem Ausland vermittelt würden, deren Zustand kritisch ist; und dass die neuen Besitzer dann auf enormen Kosten sitzenblieben, die für Tierärzte und Tierkliniken ausgegeben werden müssen.
Daher hatte ich vorerst nur einen Pflegevertrag unterschrieben, in dem vereinbart war, dass der Hund im Besitz der Organisation bliebe und das etwaige Kosten für Tierarzt usw. nach Absprache von der Organisation übernommen werden. Die zuständige Mitarbeiterin der Organisation, die mir den Hund auch vermittelt hatte, sagte mir aber am Telefon, blutiger Durchfall wäre “nicht schlimm” und würde oft vorkommen. Ihr Fazit: der Hund wäre in Ordnung und müsste nicht zum Arzt, wenn ich ihn trotzdem zum Tierarzt bringe, müsste ich das selbst bezahlen … tja.
Ich hatte eigentlich gedacht, mich mit dem Pflegevertrag abgesichert zu haben. Aber jetzt musste ich mich entscheiden, ob ich quasi die ganzen Kosten selbst übernehme, und zwar freiwillig. Vor lauter Wut musste ich zwar ein paar Mal schlucken, aber dann nahm ich den Telefonhörer und rief den Tierärztlichen Notdienst an. (Der Tierarzt fand natürlich nicht, dass blutiger Durchfall harmlos sei. Brösel musste monatelang eine spezielle Diät halten, er wurde auf Medikamente eingestellt, bekommt bestimmte Nahrungszusätze und Vitamine. Gar nicht auszudenken, was ohne Behandlung mit ihm passiert wäre! ) In den folgenden Wochen musste Brösel noch öfter zum Tierarzt, denn er hatte ausser Leishmaniose noch etliche schlecht verheilende Wunden am ganzen Körper, vor allem an den Pfoten und Beinen, Geschwulste an Nase und Ohren, Untergewicht, humpelte und er war halt krank.
In der nächsten Zeit gab es noch einige schlimme Momente. Brösels Hinterbeinchen wurde ganz dick, er konnte nicht mehr laufen und es ging ihm total schlecht. Ich hatte ja nicht damit gerechnet, dass der charmante kleine Hund mir so schnell ans Herz wachsen würde, aber wenn es dem Kleinen so schlecht ging, konnte ich nicht schlafen und machte mir totale Sorgen um ihn. Tja, das war halt Liebe auf den ersten Blick. Da kann man nichts machen. Jahrelang hatte ich mir einen Hund gewünscht, nun hatte ich “meinen” Hund gefunden. Und der ist nunmal eben krank.
Da es sowieso keinen Sinn hatte, weiter mit der Tierschutzorganisation zu verhandeln, adoptierte ich Brösel bei der nächsten Gelegenheit. Wegen der Krankheiten bekam ich ihn “billiger”. Sinnvoll war das eigentlich nicht, denn es ist zweifelhaft, ob es so gut ist, wenn kranke Tiere ohne wirklich offene und ehrliche Absprache mit ihren neuen Besitzern vermittelt werden und ihr Zustand schön geredet wird. Mit der Adoption habe ich das quasi noch unterstützt. Auf der anderen Seite musste ich mir eingestehen, dass ich total froh bin, Brösel bekommen zu haben, egal ob er mir als “zwar im Bluttest Leishmaniose-positiv, aber ohne irgendwelche Krankheitszeichen” beschrieben wurde. Er war definitiv nicht erst auf dem Flug krank geworden. Die Wunden an seinen Pfoten und Beinen waren alt und teilweise entzündet und gefährlich. (Anmerkung: Gottseidank sind alle Symptome mittlerweile verheilt, als erstes waren die Geschwulste weg, das ging ganz schnell, Ohren und Nase sind jetzt weich und samtig, danach wuchs das Fell dick & weich nach, an den Beinen hat er noch Narben, die aber zunehmend durch Fell verdeckt werden.) Brösel hat ein wahnsinniges Glück gehabt, hier die richtigen Tierärzte und Therapeuten zu finden – ausserdem ist er ein zäher und total tapferer kleiner Kerl!!!
Mein Fazit ist, dass diese kranken Hunde, die wirklich schlimm dran sind, niemanden finden würden, der sie aufnimmt. Auch ich hätte keinen so kranken Hund aufgenommen, wenn ich es vorher gewusst hätte. Ich habe mich entschlossen, wirklich gut von den Tierschützern dieser Organisation zu denken; sie wollen diesen Tieren helfen – und wenn sie ganz ehrlich wären, würde sie niemand nehmen. Wie sie den Tieren helfen, ist ziemlich radikal. Gutheissen kann ich so ein Vorgehen trotzdem nicht. Ich kann jedem nur abraten davon, einen Hund im Internet sofort zu adoptieren. Erst einmal in Pflege nehmen und dann in Ruhe entscheiden. Wer Erfahrungsberichte anderer lesen möchte, die Hunde aus dem Ausland adoptiert haben, kann das hier tun.
Einen Hund in Pflege zu nehmen, ist, wie ich finde, eine tolle Sache:
Der Hund kommt aus den katastrophalen Verhältnissen erst einmal hinaus und kann sich erholen.
Das Pflege-Frauchen/-Herrchen kann im Zweifelsfall den Hund zurückgeben, wenn sie/er merkt, dass die Pflege zu viel wird.
Wenn es ein Auslandshund ist, ist der Schlumpf wenigstens erstmal in Deutschland. Hier geht es ihm selbst in einem Tierheim 1000 Mal besser, als in seinem Ursprungsland, wo er meist vergast wird (z. B. in Spanien werden Tierheim-Hunde, die nach 3 Wochen nicht abgeholt/vermittelt sind, getötet/vergast).
Wenn man nur begrenzt Zeit hat, also z. B. vorher weiss, man hat nur 3 Monate lang Gelegenheit, sich um einen Hund zu kümmern, kann man mit einer Tierschutzorganisation eine Pflegschaft für einen bestimmten Zeitraum vereinbaren, der vorher festgelegt wird. Das ist toll für Menschen, die eigentlich beruflich eingebunden sind – so können sie sich, wenn sie freie Zeitphasen haben, um einen Hund kümmern, der es ihnen immer danken wird + sie nie vergessen wird.
Wenn man arbeitslos ist oder behindert, kann ein Hund eine sehr schöne Sache sein. Dadurch, dass man sich um ihn kümmert, kann man viel Gutes tun. Wenn man sich einen Hund eigentlich nicht leisten kann, lassen viele Tierschutzorganisationen auch mit sich reden und beteiligen sich z. B. an den Futterkosten. Es muss nur sichergestellt sein, dass man sich tatsächlich um den Hund ausreichend kümmern kann und er nicht zu kurz kommt.
28.09.2009 Brösel am Elbe-Strand
Heute war Brösel das erste Mal mit Troy unterwegs. Die beiden waren zwei echte Gentlemen und sind nett miteinander umgegangen, beide wissen aber noch nicht, wie sie genau zueinander stehen. Vorsichtiges Umeinander-herum-schnuppern und mit Stöckchen und Bällchen spielen war angesagt. Jeder von beiden will natürlich der bessere Hund und der Lieblingshund sein, wobei Troy noch deutlich die Nase vorn hat und Brösel sich noch leicht unterordnet.
Hier sitzen die beiden brav in der U-Bahn:
Auf der Fähre von Landungsbrücken bis Neumühlen hat Brösel das erste Mal Hamburger Hafenluft geschnuppert und das schien ihm richtig zu gefallen.
Aus ihm wird in Windeseile ein “Hamburger Jung”. Am Strand haben die beiden Hunde dann schon gemeinsam andere Hunde angebellt, was ich als gutes Zeichen für die Zukunft auffasse.
(Brösel auf der Hafenfähre)
Als wir Troy nach Hause brachten, wollte Troy allerdings nicht, dass Brösel mit in “seine” Wohnung kommt. Brösel ist dann aber doch reingeflutscht und hat blitzschnell den Rest von Troys Futter heruntergeschlungen.
Troy war “not amused” – aber er hat einen Mini-Belohnungsknochen bekommen und war dann halbwegs versöhnt.
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